Die 3 großen Gefahren der Apple Watch EKG Funktion?

Die 3 große Gefahren der Apple Watch EKG-Funktion?

copyright py Pexels.com

Am vergangenen Wochenende habe ich eine Fortbildung über Herz-Kreislauf-Erkrankungen für Ärzte besucht. Bei dem Thema „Telemedizin“ hielt ein Spezialist für Herz-Rhythmus-Störungen einen Vortrag. Er überraschte mich mit folgender (sinngemäß wiedergegebener) Aussage:

In 90 Prozent der Fälle ist der Herz-Rhythmus-Alarm der Apple Watch 4 ein Fehl-Alarm. Dennoch wird eine unmittelbare ärztliche Vorstellung empfohlen.

Da ich dieser Aussage nicht glauben konnte und wollte, habe ich seitdem im Internet hierüber recherchiert. Mit diesem Blog-Artikel möchte euch jetzt an meinen gesammelten Informationen teilhaben lassen. Zunächst aber ein paar kurze (aber wichtige) Grundlagen:

 

Was ist Vorhofflimmern?

 

Die Apple Watch 4 soll in der Lage sein zu erkennen, ob ein Mensch an sogenanntem Vorhofflimmern leidet. Daher vorab eine kurze Erklärung dazu:

Vorhofflimmern ist die am häufigsten auftretende Herz-Rhythmus-Störung beim Menschen. Man darf sie allerdings nicht mit Kammerflimmern verwechseln! Kammerflimmern ist nämlich lebensbedrohlich und kann im plötzlichen Herztod enden. Dieses „böse“ Kammerflimmern kann zum Beispiel nach einem Herzinfarkt auftreten. (Was ein Herzinfarkt genau ist erklären wir in diesem Video).

Vorhofflimmern kann hingegen NICHT in einem plötzlichen Herztod enden. Allerdings empfinden es viele Menschen beim Auftreten als unangenehm und es erhöht z.B. das Risiko für einen Schlaganfall. (Was genau ein Schlaganfall ist erklären wir in diesem Video).

 

Merkt man Vorhofflimmern?

 

Viele Menschen merken allerdings NICHT, ob diese Herz-Rhythmus-Störung bei Ihnen vorliegt oder nicht. Sie kann auch manchmal nur ab und zu auftreten. Daher versuchen Ärzte schon seit längerem Methoden zu finden, mit denen man Vorhofflimmern sicher aufspüren kann. Die Apple Watch 4 soll dies laut Apple möglich machen.

 

Wo findet man Daten über die Apple Watch 4?

 

Man findet in Blogs und Pressemitteilungen Berichte darüber, dass die Ergebnisse von Apples durchgeführten Studien genutzt wurden, um in den USA eine Zulassung der FDA (Food an Drug Administration; zu deutsch: Behörde für Lebens- und Arzneimittel) für die Apple Watch 4 zu erhalten. Diese Studienergebnisse sind in der Vergangenheit bereits im  Journal „JAMACardiology“ (JAMA = Journal of the American Medical Association) veröffentlicht worden. Viele positive Berichterstattungen beziehen sich auf diese Veröffentlichung.

 

Wie gut ist die Apple Watch 4?

 

Die oben genannte Studie beschreibt 2 verschiedene Patientengruppen, die mit der Apple Watch untersucht wurden. Die Erfolgsrate dieser beiden untersuchten Gruppen ist jedoch komplett unterschiedlich. Die Gründe hierfür erklären wir weiter unten.

 

 

Studien-Gruppe 1

 

Es wurden in der ersten Gruppe 51 Patienten untersucht, bei denen bereits gesichert Vorhofflimmern vorlag. ALLE Patienten dieser Gruppe hatten also Vorhofflimmern (Wichtiger Punkt!).

Diese Studien-Patienten haben zur Zeit des Tests im Krankenhaus auf eine Behandlung ihrer Herz-Rhythmus-Störung gewartet (eine sogenannte Kardioversion). Man hat diesen Patienten eine Smart-Watch angelegt und geschaut, ob die Uhr die Rhythmus-Störung erkennt. Hierbei hat die Uhr 98% der Rhythmusstörungen als Vorhofflimmern erkannt. Dies ist primär ein sehr guter Wert. Hierauf beziehen sich viele der positiven Berichterstattungen im Internet. Allerdings sind die Patienten in dem Moment der Untersuchung auch keiner normalen Alltags-Aktivität nachgekommen. Störende Alltags-Bewegungen (z.B. Umkleiden, Joggen etc.) kamen also nicht vor.

Das Wichtigste ist allerdings: Normalerweise kommt das Vorhofflimmern in der Normalbevölkerung viel, viel, viel seltener vor. Das hat aus mathematischen und test-theoretischen Gründen starken Einfluss auf die Test-Genauigkeit! Es stellt sich also die Frage: Ist die untersuchte SmartWatch dann in Alltags-Situationen und in der „Normalbevölkerung“ auch so gut?

 

 

Studien-Gruppe 2

 

In einer zweiten Gruppe wurden 9750 Patienten untersucht. Von diesen Patienten haben nur knapp 4% an Vorhofflimmern gelitten. Von diesen 347 erkrankten Patienten erkannte die Uhr dann nur noch knapp 68%. Zudem wurden die tatsächlich Gesunden zu ca. 68 % als tatsächlich gesund erkannt. „Immerhin besser als eine Münze zu werfen“ könnte man meinen …

Das Problem in dieser Gruppe ist jedoch der sogenannte positive Vorhersagewert (PPV, positive predictive value, positiver prädikativer Wert). Dieser Wert beantwortet nämlich die folgende Frage:

 

Wie groß ist bei einem Rhythmus-Alarm die Wahrscheinlichkeit auch WIRKLICH krank zu sein?

 

Dies ist der wichtigste Wert für Screening-Tests die in einer breiten Bevölkerung eingesetzt werden sollen und bei denen eine untersuchte Erkrankung SELTEN  vorkommt.

Der positive Vorhersagewert drückt in diesem Fall also aus, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass man WIRKLICH eine Herz-Rhythmus-Störung hat, wenn die Uhr Alarm schlägt. Dieser Wert lag in der „realitätsnahen“ Gruppe 2 bei unter 8 %. Das würde bedeuten, dass mehr als 90 % aller „Rhythmus-Alarme“ Fehlalarme wären.

Was hätte dies für Folgen, wenn die AppleWatch 4 auch jetzt noch solche Test-Werte hätte und in der Breite der Bevölkerung eingesetzt werden würde? Laut der Apple Keynote empfiehlt die Uhr dem Patienten dann nämlich, sich umgehend bei seinem Arzt vorzustellen.

 

Gefahr Nummer 1: Verunsicherung

Viele Menschen wären fälschlicherweise verunsichert, ob eine bedrohliche Herz-Rhythmus-Störung vorliegt. Sie hätten teilweise vielleicht Angst um ihr Leben und würden sofort einen Arzt aufsuchen wollen. Obwohl dann jedoch zu über 90 % Wahrscheinlichkeit gar keine Herz-Rhythmus-Störung vorgelegen hat. Passiert Euch das zum Beispiel im Flugzeug auf dem Weg in den Urlaub ist Eure Entspannung wohl dahin…

 

Gefahr Nummer 2: Überdiagnostik

Vorhofflimmern liegt wie oben erklärt nicht immer dauerhaft vor! Sondern es kann kommen und gehen. Wenn also ein Patient mit Verdacht auf Vorhofflimmern zum Arzt kommt, kann dieser nicht sofort KOMPLETT ausschließen, dass man erkrankt ist. Sollte der Alarm im Urlaub also fälschlicherweise losgehen, kann euch ein Arzt im Krankenhaus euch nicht sofort zu 100% beruhigen. Es kann also dazu kommen, dass Ihr über mehrere Tage ein sogenanntes Langzeit-EKG tragen müsst. Denkbar ist auch, dass bei manchen Patienten unnötigerweise kleine Eingriffe vorgenommen werden. Es gibt z.B. sogenannte „Event-Recorder“, die unter die Haut eingesetzt werden, um Herz-Rhythmus-Störungen aufzuspüren. Wie häufig würden also Patienten dann „unnötigerweise“ eine kleine Operation oder vielleicht schmerzhafte Untersuchungen im sogenannten Herz-Katheter-Labor bekommen, nur weil ein Fehl-Alarm aufgetreten ist?

 

Gefahr Nummer 3: Belastung für das Gesundheitssystem

Stellen wir uns den Berlin-Marathon mit seinen knapp 40.000 Teilnehmern vor. Viele Teilnehmer tragen bei solchen Veranstaltungen eine SmartWatch wie zum Beispiel eine Apple Watch, um ihre Lauf-Zeit und andere Parameter zu aufzuzeichnen. Bei wie vielen Teilnehmern würden dann fälschlicherweise der Rhythmus-Alarme losgehen? Und welches Krankenhaus kann diese ganzen Patienten dann untersuchen? Immerhin stimmen ja bei ca. 8 % der Menschen dann ja auch die Alarm-Meldungen. Man kann also auch nicht einfach alle pauschal beruhigen und wegschicken. Es wären sehr viel mehr Ärzte*innen und Krankenpfleger*innen in den Notaufnahmen nötig, um zu versuchen, die WIRKLICH KRANKEN von den EIGENTLICH GESUNDEN zu trennen und für eine gute Patientenversorgung zu sorgen. Wir sehen die Gefahr, dass die Versorgung wirklich bedrohter Patienten leiden könnte. Zudem entstünden viele, eigentlich unnötige Gesundheitsausgaben.

 

Das Ziel?

Die neuen Funktionen der Apple Watch 4 sind eine beeindruckende Revolution in der patienteneigenen Gesundheitsüberwachung, die sehr viel Potential für die Verbesserung der Patienten-Gesundheit birgt! Zudem wird ein neues Zeitalter im Sammeln von (wohl anonymisierten) Patienten-Daten eingeläutet. Es ist davon auszugehen, dass Apple in den nächsten Jahren die Algorithmen der Apple Watch zunehmend und signifikant verbessert. Es wird also wahrscheinlich zu einer Verbesserung der (von uns aktuell hinterfragten) Trefferwahrscheinlichkeit kommen. Man käme so dem Ziel eines selbstverantwortlichen Gesundheitsbewusstseins des Patienten näher. Diese Entwicklung ist aus unserer Sicht für viele Patienten wünschenswert, da mit solchen Technologien vielen geholfen werden kann. Aber für wen ist die AppleWatch 4 dann bereits jetzt zur Herz-Rhythmus Überwachung geeignet?

 

Fragen an die ärztlichen Fachgesellschaften!

Ist es sinnvoll, dass Patienten nach einem unklaren Schlaganfall eine Apple Watch 4 tragen? Bei diesen Patienten tritt häufiger (verstecktes) Vorhofflimmern auf als bei anderen Patienten. Dadurch wäre die Trefferwahrscheinlichkeit für die Uhr besser und in dieser Gruppe gäbe es seltener falsche Alarme.
Oder macht es für Patienten mit häufigen Palpitationen Sinn eine Apple Watch 4 zu tragen? (Was Palpitationen sind erklären wir in diesem Video)

Es wäre wünschenswert, wenn Experten der deutschen ärztlichen Fachgesellschaften wie zum Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie oder der Deutschen Gesellschaft für Neurologie hierzu klar Stellung beziehen würden. Sie könnten Empfehlungen bzgl. neuer technologischer Entwicklungen und Gesundheits-Wearables geben.

So kann und sollte unnötige Verunsicherung bei eigentlich gesunden Menschen vermieden werden.
Oder wie seht ihr das? Überwiegen für euch die reinen Vorteile der neuen Apple Watch? Ist es wichtiger 8 % Erkrankte herauszufiltern, wenn dafür viele gesunde Patienten längerfristig verunsichert werden? Diskutiert unten in den Kommentaren mit!

Felix und das Team von deinediagnose.de

Schreibe einen Kommentar